Eurasische Wirtschaftsunion

EAWU – Vorteile und Herausforderungen für deutsche Unternehmen

Die EAWU ist die Eurasische Wirtschaftsunion aus fünf Staaten mit dem wirtschaftlichen und geografischen Zentrum Russland. Die Länder im Nordosten Eurasiens bilden einen Binnenmarkt mit Zollunion.
EAWU Länder Karte
EAWU Mitgliedsstaaten

EAWU: Was ist das?

Es gibt diese Wirtschaftsunion seit 2015, ihr Vorläufer war die Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft. Der Name Eurasian Economic Union (Eurasische Wirtschaftsunion, EAWU) ist am gebräuchlichsten, doch es gibt auch Bezeichnungen wie EaU (Eurasische Union), EAEU und EEU. Die fünf Staaten haben untereinander Zollerleichterungen geschaffen, die den Kapital- und Warenverkehr sehr deutlich verbessern und im Prinzip einen gemeinsamen Binnenmarkt ähnlich wie in der EU schaffen. Diese ist auch das Vorbild für die Koordination der Wirtschaftspolitik zwischen den beteiligten Ländern.

Mitglieder der Eurasischen Wirtschaftsunion

  • Russland mit 147 Millionen Einwohnern
  • Kasachstan mit 18 Millionen Einwohnern
  • Weißrussland mit 10 Millionen Einwohnern
  • Kirgisistan mit 6 Millionen Einwohnern
  • Armenien mit 3 Millionen Einwohnern

Diese Staaten gehören komplett zur ehemaligen Sowjetunion, überall wird Russisch gesprochen (wenn auch nicht überall als Amtssprache). Es gibt darüber hinaus Beitrittskandidaten und Interessenten, die teilweise ebenfalls zur ehemaligen Sowjetunion gehören und in denen die russische Sprache praktisch jedem Einwohner geläufig ist. Dazu gehören Tadschikistan, Usbekistan, die Ukraine (derzeit Beobachter) und Aserbaidschan. Staaten außerhalb der ehemaligen Sowjetunion mit mehr oder weniger starkem Interesse an der EAWU sind die Mongolei, Syrien und eine Reihe weiterer, zum Teil international nicht anerkannter Staaten. Zudem gibt es Beobachter und auch Wunschkandidaten der EAWU. Zu Letzteren gehört beispielsweise als Schwergewicht die EU. Bei der Betrachtung ist in Rechnung zu stellen, dass die Eurasische Wirtschaftsunion noch sehr jung ist. Wenn ihre Entwicklung sowohl bezüglich der Zahl der Teilnehmerländer als auch hinsichtlich der Gestaltung der internen Beziehungen fortschreitet, dürfte ein riesiger Wirtschaftsraum und Markt entstehen, der für deutsche Unternehmen ungemein interessant ist.

Wie können deutsche Unternehmen von der EAWU profitieren?

Sie profitieren jetzt schon. Das geht aus einer Umfrage unter deutschen Firmen hervor, die bereits im Jahr 2017 durch die russische Außenhandelskammer durchgeführt wurde. Die größten Vorteile ergeben sich durch den Wegfall der Zollschranken innerhalb der EAWU. Die befragten Unternehmen bezeichneten folgende Vorteile als am bedeutendsten:
  • #1: Wegfall der Zollschranken zwischen den EAWU-Ländern: 25%
  • #2: größerer Absatzmarkt: 24%
  • #3: Kostenersparnisse bei technischer Regulierung und Logistik: 11%

Die Punkte #2 und #3 basieren direkt darauf, dass es mit Russisch eine einheitliche Sprachbasis in der EAWU gibt. Es genügt, Produktkennzeichungen, Werbung, Bedienungsanleitungen und technische Erläuterungen sowie logistische Anweisungen in dieser einen Sprache zu verfassen.

An der Umfrage beteiligten sich 92 deutsche Unternehmen. Die EAWU-Verantwortlichen betonen in ihren Statements darüber hinaus, dass es sich um kein politisches, sondern um ein wirtschaftliches Bündnis handele. Daher hat selbst die Ukraine, trotz ihres zerrütteten Verhältnisses zu Russland, immer noch einen Beobachterstatus inne. Die Eurasische Wirtschaftsunion ist vorrangig daran interessiert, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und damit die Ökonomie in den Teilnehmerländern zu verbessern. Freilich verbessern wirtschaftliche meistens auch politische Beziehungen, doch das kann kein Nachteil sein. Die befragten deutschen Unternehmen sehen die EAWU ebenfalls vorrangig bis ausschließlich als regionales Wirtschaftsbündnis, nicht aber als geopolitisches Projekt. 60 % aller Befragten glauben nicht, das Russland über die EAWU seinen Einfluss in der geografischen Region der Teilnehmerländer festigen will. Ein großer Vorteil für Handelspartner der EAWU besteht unter anderem in der einheitlichen Zertifizierung von Produkten und einheitlichen Verbraucher- und Umweltstandards. Wichtig zu wissen ist allerdings, dass noch längst nicht die Standards der EU erreicht sind. So ist beispielsweise eine gemeinsame Währung derzeit praktisch nicht vorstellbar.

Ist eine viel engere Kooperation zwischen der EAWU und der EU denkbar?

Die EU wäre unter allen beitrittswilligen Staaten ein absoluter Wunschkandidat der EAWU. Ein echter Beitritt ist natürlich nicht denkbar – weder in die eine noch in die andere Richtung. Hierzu sind die internen Standards viel zu verschieden. Unter anderem gibt es in der EU mit dem Euro eine gemeinsame Währung in immerhin 19 der 27 EU-Mitgliedsstaaten. Auch herrschen sehr eng angeglichene Verbraucher-, Steuer- und Umweltstandards sowie gesetzliche Vorschriften, denen sich die EAWU-Staaten ohne Weiteres nicht unterwerfen würden, während die EU ihre Standards gegenüber der EAWU natürlich nicht verwässern würde. Dennoch hätte so ein Projekt einen gewaltigen Charme, denn es entstünde ein gemeinsamer Wirtschaftsraum zwischen Wladiwostok und Lissabon. Befragte deutsche Unternehmer fänden so ein Projekt faszinierend und hielten es naturgemäß für sehr wünschenswert, gleichzeitig aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt (Anfang 2020) keinesfalls für realistisch.

Welche Herausforderungen müssen Unternehmen beim Geschäft mit EAWU-Staaten bewältigen?

Die wichtigste Voraussetzung ist die Beherrschung der russischen Sprache als Standardsprache im EAWU-Bereich. Sie hat in den bislang beteiligten Staaten einen größeren Stellenwert als Englisch in der EU. Der Hintergrund: Kurz nach der Entstehung der Sowjetunion im Jahr 1922 wurde Russisch die Amtssprache auch in den heutigen EAWU-Staaten Kasachstan, Weißrussland, Kirgisistan und Armenien. Sie wurde schon den kleinen Kindern als quasi zweite Muttersprache beigebracht. Alle bis etwa 1980 geborenen Bürger dieser Staaten sprechen Russisch oftmals deutlich besser als europäische Bürgerinnen und Bürger Englisch (wenn sie nicht aus Großbritannien stammen). Wer also im Jahr 2020 einen 40-jährigen Unternehmer aus Kasachstan trifft, kann sich mit ihm auf Russisch genauso gut wie mit einem Russen unterhalten (inklusive Business- und Fachrussisch). Die Sowjetunion löste sich zwar 1991 auf, doch da sich Russisch als zweite Sprache auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion absolut etabliert hat, sprechen auch jüngere Menschen in dieser Region die Sprache immer noch sehr gut. Sie ist für sie eine Universalsprache wie für uns das Englische.

Neben den Sprachkenntnissen sollten Unternehmer die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen genau beachten. Seit Anfang 2018 gilt in der Eurasischen Wirtschaftsunion ein neuer Zollkodex. Wer in die EAWU Waren einführen möchte, muss regionale bis lokale Vorgaben der Produktzulassung und Zertifizierung berücksichtigen. Auch kann es in einzelnen Staaten spezifische wirtschaftsjuristische Aspekte geben. Die Standards sind nicht so nivelliert wie in der EU. Diese Besonderheiten gelten aber als beherrschbar, so dass Geschäfte mit der EAWU aus deutscher Unternehmersicht sehr lohnenswert sein können.

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